Plötzlich Eltern ganz ohne Schwangerschaft


Wie schon geschrieben (https://herzeltern.de/familienalltag/unser-ganz-persoenlicher-weg-bis-zum-ersten-kind/) fuhren wir im Herbst 2003 also nach dem Anruf des Jugendamtes am nächsten Tag los. Dort angekommen erzählte uns die zuständige Sozialarbeiterin, dass sie ganz kurzfristig und unerwartet ein Kind zu vermitteln habe: einen 14 Monate alten Jungen, der vermutlich stark geistig beeinträchtigt sei und dringend eine Pflegefamilie brauche. Wir saßen mit klopfenden Herzen und roten Köpfen da und hörten weiter zu. Die Dame nannte noch keinen Namen, erzählte etwas mehr zur bisherigen Lebensgeschichte des Jungen und sagte dann, sie denke dieser Junge würde sehr gut zu uns passen. Es wäre auch kein Problem unseren Bewilligungsprozess als Pflegeeltern zu beschleunigen und die nötigen Kurse später zu absolvieren, da „man uns ja im Jugendamt kenne und uns vertraue“ und außerdem „dringender Handlungsbedarf bestehe und keine andere Familie in Frage käme“ ( ein Satz den wir im Laufe unseres Lebens als Pflege- und Adoptiveltern noch häufiger zu hören bekommen haben, der aber damals einen immensen Druck in uns aufbaute).

Nach ca 15 Minuten war die Sozialarbeiterin fertig mit ihren Erzählungen, sagte wir sollten uns das ein paar Tage überlegen ( jedoch bitte nicht allzu lange) und fragte dann ob wir vielleicht den Namen des Jungen wissen und ein Foto von ihm sehen wollten. Frank sagte nein, ich sagte deutlich und bestimmt ja – und so nannte sie uns den Namen Benjamin und zeigte ein Foto von einem kleinen, sehr traurig und apathisch wirkenden Jungen.

Auf dem Rückweg hatten wir viel Gesprächsstoff. In den abgegebenen Bewerbungsunterlagen hatten wir bei dem Punkt „Würden Sie auch Kinder mit Behinderung aufnehmen“ mit „Nein“ geantwortet. Wir hatten viel über diesen Punkt diskutiert und waren zu dem Entschluss gekommen, dass wir hier schweren Herzens kein „Ja“ für hätten, da wir uns nicht vorstellen konnten neben der sehr intensiven

Jugendarbeit (sowohl emotional als auch zeitlich und kräftetechnisch) genügend Zeit zu haben für ein Kind mit einem sogenannten „Mehrbedarf aufgrund einer Beeinträchtigung“. Und das obwohl ich aus der Arbeit mit behinderten Menschen kam, mir das aber für uns persönlich nicht als weg vorstellen konnte (wie begrenzt wir Menschen oft denken!).

Nun hatte uns die Dame vom Jugendamt aber trotz dieser Angaben in den Bewerbungsunterlagen einen Jungen mit einer (laut ihr) erheblichen Beeinträchtigung vorgeschlagen, sozusagen „auf den Tisch gelegt“ und wir mussten wieder erneut eine Entscheidung treffen.  Benjamin  konnte mit seinen 14 Monaten noch nicht krabbeln, zeigte deutliche Entwicklungsverzögerumgen in allen Bereichen  und die Prognosen der Ärzte waren sehr düster was seine Zukunft betrafen. Ob dieser kleine Junge jemals laufen oder sprechen lerne sei unklar, eine sehr intensive Förderung und engmaschige ärztliche Betreuung unumgänglich.

Frank war hier recht klar und sagte, wir hätten das doch durchdiskutiert beim Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen und somit wäre es für ihn völlig, klar dass wir für diesen Jungen Benjamin absagen müssten.

Ich hatte es schon lange im Herzen mein Kind (so ich doch ein leibliches kriegen sollte) Benjamin zu nennen und das Foto von gerade hatte sich mir so eingeprägt, dass für mich eine Absage gar keine Option war. So diskutierten wir hin und her, baten Gott um seine Weisung, schliefen eine Nacht darüber und entschieden am nächsten Tag, dem Jugendamt eine Zusage zu erteilen.

Jetzt ging alles ganz schnell. Wir lernten Benjamin am nächsten Tag kennen, trafen uns ein paar Mal bei der Pflegefamilie bei der Benjamin zu dem Zeitpunkt lebte, gingen spazieren, auf den Spielplatz und 2 Wochen später zog Benjamin bei uns ein.

Tom hatten wir in den Prozess mit einbezogen, ihm von unseren Wünschen und Vorstellungen erzählt und ihn dann mitgenommen bei den Kennenlerntreffen. Tom sagte von Anfang an, dass er unsere Gedanken nachvollziehen, er aber nichts mit kleinen Kindern anfangen könne und er sich da nicht weiter einmischen werde.

Kaum war Benjamin  eingezogen waren die 2 dann ein Herz und eine Seele und ich bin mir sicher, dass Tom mindestens genau so viel Liebe getankt hat wie er Benjamin gab.

2004 wurde Tom 18 Jahre und beschloss zu seinem Vater zurück zu ziehen. Seither haben wir losen Kontakt. Tom ist inzwischen Vater und lebt sein eigenes Familienleben.

Zurück zu Benjamin. 

Nun waren wir also unerwartet schnell Eltern geworden. 14 Tage „Schwangerschaft“ war schon ne emotionale Achterbahn….

Kinderkleidung, Bettchen und co sind (und waren es auch vor 18 Jahren in den Neuen Bundesländern schon) schnell zu besorgen, und somit war die materielle Vorbereitung eines Kindereinzugs schnell erledigt. 

Da wir durch die Jugendkirche sehr viel Kontakt zu jüngeren Leuten hatten und „zugezogene Wessis“ waren hatten wir vor Ort keinen Kontakt zu anderen Paaren mit Kindern. 

Ich hatte schon von jungen Jahren an die Kinder von Nachbarn unf Bekannten gesittet, wusste also wie man kleine Kinder versorgt. 

Was so ein Einzug eines Kindes und das damit verbundene Elternwerden aber wirklich bedeutet war uns aber nur sehr bruchstückhaft bewusst. 

Schlagartig wurde der 24/7 Job des Elterndaseins Realität und bestimmt bis heute unser gesamtes Leben. 

„Kinder kriegen ist nicht schwer, Kinder haben aber sehr.“ – ein altes Sprichwort das so absolut nicht der Wirklichkeit entspricht!!!! 

Kinder kriegen  / besser: Eltern werden ist eben sehr wohl oft mit viel Schmerz und traurigen Erlebnissen verbunden uuuund Kinder zu haben ist nicht prinzipiell schwer, aber es fordert einen doch täglich mal mehr und mal weniger heraus und führt einen so manches Mal an physische  und oder psychische Grenzen.

Ein Wochenende lang im Bett bleiben, ein Buch am Stück durchlesen, bei Erkältung 3 Tage nichts tun, in einem Café so lange sitzen bis es zumacht, im Museum 15 Minuten vor einem Bild stehen bleiben und vieles mehr ist Geschichte …. 

Dafür ziehen in Herz und Wohnung viele neue Dinge ein: lachen, weinen, basteln, klebrige Hände die einen liebevoll umarmen, Berge von Wäsche, neue Freunde der Kinder und neue Freunde durch die Kinder, neue Blicke auf Natur und Leben und so vieles mehr! 

Wir waren so davon überzeugt mit unserer Liebe, unserem Fachwissen und Gottes unbegrenzten Möglichkeiten Benjamin so ideal zu supporten, dass er sicherlich alle Diagnosen sprengen und ein völlig gesunder, normal entwickelter Junge werden würde. 

Sehr naiv denkst du jetzt sicherlich! Und hast  Recht! 

Wir waren noch jung, dem Leben sehr positiv zugewandt, wollten die Welt um uns verändern und Grenzen waren kein Hindernis sondern ein Ansporn überwunden zu werden. Das Leben war in vielen Bereichen schwarz-weiß und wir hatten auf eigentlich alle Fragen eine uns passend erscheinende Antwort. Heute sehne ich mich manchmal nach dieser Zeit zurück in der ich viel weniger „?“ im Kopf hatte als heute. 

Dieser kleine, hilfsbedürftige Junge war so plötzlich immer da (24/7) und das größte Wunder war und ist bis heute für mich, dass wir von der ersten Minute unserer Begegnung so voller Liebe für ihn waren. 

Voller Stolz band ich mir Benjamin ab dem ersten Tag im Tragetuch an mein Herz – gegen alle Stimmen meiner Mitmenschen die meinten ich würde ihn dadurch zu stark verwöhnen, ihn regelrecht verziehen und ihn zum Muttersöhnchen erziehen da er ja schon viel zu alt sei… Die nächsten Monate (in Wirklichkeit eher Jahre) verbrachte Benjamin die meiste Zeit in diesem Tragetuch und tankte meines Erachtens erst einmal Liebe, Nähe, Wärme und noch mehr Liebe. 

Wie sich Benjamin in den letzten 18 Jahren entwickelte, wie das Umfeld auf unsere Entscheidung ihn aufzunehmen reagierte und vieles mehr werde ich in den nächsten Artikeln erzählen. 

7 Kommentare

  1. Selbst Pflegemama, kann ich vieles unterschreiben. Auch die Erkenntnis, dass Liebe und Zuneigung auf jeden Fall hilft, aber kein Garant für Heilung ist.

    Und eine Beschwerde: Du kannst doch nicht an einer so spannenden Stelle aufhören!

  2. Liebste Kathrin, ich haben mit Tränen in den Augen diesen Beitrag gelesen. Euer Benjamin ist so wundervoll. 😘

  3. Liebe Katrin, aus tiefstem Herzen lese ich hier und freue mich über diesen Weg den ihr geht und gegangen seid – und die Liebe, die ihr gebt und sicher von euren Kindern zurück empfangt.
    Ich bin gespannt, was du noch berichtest :-*

    • Vielen herzlichen Dank! Du hast Recht Uta wir bekommen sehr viel Liebe von unseren Kindern geschenkt und fühlen uns sehr sehr beschenkt und durch sie gesegnet!!!!

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