Unser ganz persönlicher Weg bis zum ersten Kind…

Ich wuchs idyllisch, behütet, geliebt, gefördert in einem kleinen Dorf auf in dem laut meinem Vater „die Welt noch in Ordnung“ war – und seiner Meinung auch noch heute ist – und es kein Leid (zumindest kein offensichtliches) gab. In meiner Jugend dann wurde mir durch meine Mitarbeit bei diversen christlichen Freizeiten und Angeboten immer mehr bewusst, dass es sogar in unserem reichen Deutschland, ganz in meiner Nähe Kinder gab die es nicht so schön hatten wie ich. Kinder die bei Eltern aufwuchsen die sich nicht liebevoll um ihre Kinder kümmerten, die in widrigsten Wohnverhältnissen lebten, nicht ausreichend mit Vitaminen oder überhaupt Essen versorgt waren, keine Eltern hatten die sie unterstützten oder ihre Hobbies förderten.

Es war wirklich ein schmerzhaftes Erleben, dass es Kinder gab und bis heute gibt in Deutschland, die so gar keinen idealen Start und keine feste Basis haben die sie für ihr späteres, selbständiges und möglichst unabhängiges Leben brauchen.

Diese Erkenntnis manifestierte in mir immer mehr den Gedanken, dass es viele Kinder auf der Welt/ und auch in Deutschland gibt die Menschen brauchen die sich liebevoll um sie kümmern und ich war mir sicher, dass ich auf jeden Fall Kinder aufnehmen wollen würde. Über das „Wie?“ und „mit wem?“ machte ich mir damals noch keine weiteren Gedanken.

Dann lernte ich mit 16 Jahren Frank besser kennen, den Schwarm meiner Jugend und hatte das riesen Glück, dass auch er meine Liebe erwiderte.

6 Jahre waren wir ein Paar bis ich endlich einwilligte in Franks Bitte mich zu heiraten. Mit 22 Jahren war ich ja noch nicht all zu alt….

Nach der Hochzeit stellten wir uns intensiv der Frage wann der richtige Zeitpunkt für Kinder wäre und ob wir leibliche Kinder haben oder vielleicht doch eher Kindern aufnehmen wollten.

Frank hatte sich nie ernsthaft mit der Thematik „Adoption oder Pflegewesen“ beschäftigt und so war es für ihn wesentlich schwieriger sich gedanklich damit zu befassen als für mich, die ich mich ja schon in der Jugend intensiv mit all diesen Fragen auseinander gesetzt hatte, aber auch noch keine endgültige Lösung für uns als Paar hatte.

Frank war zum Zeitpunkt unserer Hochzeit bereits auf einer Bibelschule und erzählte mir immer ganz begeistert von einer über 90 jährigen Dame, Schwester Gerda, die ihm immer ganz viel von Rumänien und einer dort angesiedelten christlichen Organisation vorschwärmte, die sich um Waisenkinder kümmert. Frank war so infiziert von Schwester Gerdas Schilderungen, dass er mir vorschlug – oder eigentlich eher mitteilte-, dass wir anstatt einer „spießigen“ Hochzeitsreise (wir waren damals bei den Jesus Freaks und „Spießer“ zu sein war da das allerschlimmste was man sein konnte) einen Hilfstransport nach Rumänien zu machen zu dieser Organisation. Frank hatte schon immer eine große Überzeugungskraft und so stand dann fest, dass wir nach Rumänien fahren, zu unserer Hochzeit jeder Gast seine Kleiderspenden mitbringen und wir diese dann mit einem extra dafür gekauften alten Wohnwagen hinbringen würden.

In Rumänien angekommen lernten wir einen Mann kennen der uns Zugang zu einem staatlichen Waisenheim verschaffte, was 1999 so eigentlich noch undenkbar war. Der Besuch in diesem Heim und die Erlebnisse dort waren unser klares Schlüsselerlebnis, dass wir Kinder aufnehmen wollen würden.

In Deutschland zurück mussten wir dann für uns die Entscheidung treffen ob wir nun also definitiv nur Kinder aufnehmen oder leibliche und angenommene Kinder zusammen haben wollten. 

Wir redeten mit diversen, uns kompetent erscheinenden Menschen darüber und kamen dann zu dem Entschluss keine eigene Entscheidung zu treffen sondern für 2 Jahre Gott zu überlassen ob wir schwanger werden würden oder nicht – sprich: nicht zu verhüten und zu schauen was passiert.

Und es passierte nichts. Keine Schwangerschaften, keine Fehlgeburten, einfach nichts. Ärztliche Checks ergaben, dass es keine medizinische Begründung dafür gab und so fühlten wir uns von Monat zu Monat immer mehr in unserem Plan, Kinder aufzunehmen bestätigt. Es gab keinen Monat in dem ich weinend feststellen musste wieder nicht schwanger zu sein, kein Hadern mit Gott oder der Welt. Eher sah ich mich mit jedem Monat mehr ohne Schwangerschaft darin bestätigt, dass wir wirklich Kinder aufnehmen sollten. Unser engster Freundes- und Familienkreis schien mehr Probleme mit dieser Tatsache des Nicht- Schwangerwerdens zu haben als wir.

Nach 2 Jahren war es dann also dran uns mehr und mehr mit der Thematik Adoption und Pflegewesen zu beschäftigen, darüber zu lesen und uns schlau zu machen wie man das überhaupt macht. Wir kannten bis dahin niemanden näher der Kinder angenommen hatte und so machten wir uns schlau durch Bücher und Broschüren – es war das Jahr 2001 und Internet noch recht mühsam.

Bei meinen Recherchen stolperte ich beim Arbeitsamt über das Gesuch von „Erziehungsfachstellen“. Eine Organisation suchte hier Sozialpädagogen die einen Jugendlichen (der nicht Heimtauglich ist aus unterschiedlichsten Gründen) bei sich zuhause aufnehmen und mit diesem zusammen leben wollten und dafür eine Festanstellung bekamen. Ich zeigte dies Frank mit der festen Überzeugung, dass das doch genau das wäre was zu uns und unserem offenen Haus mit vielen Jugendlichen die hier ein und aus gingen passen könnte, und so beschlossen wir nach kurzer Bedenkzeit, dass ich mich da ja mal bewerben könnte.

Der Erziehungsfachstellen-Träger bei dem ich mich 2002 bewarb war erst sehr skeptisch uns gegenüber, waren wir doch erst 25 und 27 Jahre alt oder jung und somit keine „gestandenen, erfahrenen Eltern“ die es mit Leichtigkeit mit einem verhaltensauffälligen Jugendlichen aufnehmen konnten. Wir waren aber so sehr von unserer Idee überzeugt, genau die Richtigen für eine Erziehungsfachstelle zu sein und konnten schließlich dann auch den Träger überzeugen. So kam es, dass wir schon wenige Tage später unser erstes „Kind“ bei uns aufnahmen: Tom (Name geändert), ein 16jähriger Punk der schon 3 Jahre auf der Straße gelebt, sämtliche Heime und andere typische Maßnahmen gesprengt hatte und nun als „erziehungsresistent“ galt und sämtliche Autorität ablehnte.

Für Frank und mich war vom ersten Tag an klar, dass wir keine Ersatzeltern für Tom sein könnten und wir eher eine Art WG sein wollten in der wir ganz klar die Regeln aufstellen aber gemeinsam mit Tom alles besprechen und weitere Schritte planen wollten.

Irgendwie stimmte die Chemie zwischen uns von Anfang an.

Zu diesem Zeitpunkt lebten wir in Sachsen-Anhalt und hatten dort ganz frisch eine Jugendkirche innerhalb der evangelischen Kirche gestartet wodurch bei uns in der Wohnung immer viele Jugendliche bei uns ein und aus gingen. Dies schien Tom gut zu tun, da er nicht das „Sorgenkind um den sich alle kümmern“ sondern ein Teil unserer Gemeinschaft war. Schnell fand Tom Freunde, ging regelmäßig zur Realschule und hatte bemerkenswert gute Noten und wir wurden immer vertrauter.

War Tom anfänglich noch sehr zurückhaltend, angepasst und still so traute er sich im Laufe der Zeit doch immer mehr aus sich heraus und begann von sich aus Fragen zu stellen und zu erzählen.

Tom fand immer mehr Freunde, sowohl in der ortsansässigen Punk-Szene, als auch unter den Jugendlichen unserer Jugendkirche, was zu sehr lustigen Menschenmischungen führte. 

Der Einzug von Tom sorgte für mehr Vielfalt und eine Horizonterweiterung in unserem ganz privaten Leben aber auch für so manche kritischen Stimmen in dieser Kleinstadtidylle. So mussten wir beispielsweise einige unschöne Gespräche mit besorgten Eltern führen, die ganz klar die Schuld für die optische Veränderung ihrer Kinder bei uns sahen, da wir ja „diesen Punk“ aufgenommen hatten. Hier spürte ich erstmals ganz tief in mir drin wie es sich für eine Mutter anfühlt wenn ihr Kind kritisiert und angegriffen wird.

Ich entwickelte mein Löwinnenherz das im Laufe der Jahre bis heute immer mehr anwuchs und ich heute oft sage, dass ich zur Löwin werde wenn es um meine Kinder geht- und das heisst Verteidigung bis aufs Äußerste, immer vor die Kinder stellen, sie beschützen und Gefahren so gut es geht abwenden.

Der innere Wunsch nach einem kleinen Kind und dem Elternsein war aber immer noch trotz unserer lebendigen WG und all der Jugendlichen neben Tom deutlich zu spüren und wurde bei uns beiden immer größer, so dass wir zum Jugendamt gingen um uns über die Möglichkeiten zu erkundigen die sich uns boten. Dort sagte man uns, dass in Sachsen-Anhalt vor allem Pflegeeltern gesucht werden würden, Adoptionen sehr selten seien.

2003 im Sommer machten wir uns also daran, sämtliche Unterlagen zusammen zu suchen, unsere Bewerbungsmappe fürs Jugendamt zusammen zu stellen und gaben diese dann mit klopfendem Herzen ab. Was man da so alles bedenken, angeben und ausfüllen muss….; das war emotional ganz schön herausfordernd. Einen persönlichen Lebenslauf galt es handschriftlich zu schreiben, sich hier nochmals bewusst auseinander zu setzten warum wir ein Kind aufnehmen wollten, wie wir selber unsere Kindheit erlebt hatten, was unsere Werte und Normen sind, wie wir uns das Leben als Familie vorstellten, wie wir uns Erziehung denken würden..

Sicherlich alles notwendig und sinnvoll aber an manchen Stellen fühlten wir uns wie Stripteasetänzer und dann wieder wie Snobs die an einem Büffet entlang gehen und nur das Beste und Teuerste aussuchen (wenn es um Fragen ging wie „würden sie ein Kind mit Behinderung aufnehmen? Wenn ja welche Behinderungsform?“ und vieles mehr).

Doch nach ein paar anstrengenden Tagen hatten wir alle Unterlagen zusammen, konnten diese beim Jugendamt einreichen, um da dann zu hören, dass die Prüfung unserer Unterlagen nun ein paar Monate dauere, wir dann gegebenenfalls zu Schulungen eingeladen werden würden um dann nach ca 1,5 Jahren vielleicht ein Kind aufnehmen zu dürfen.

Es fühlte sich gut und richtig an diesen Schritt gegangen zu sein und da wir im Alltag super eingespannt waren erschien uns diese Wartezeit als nicht lange und wir planten fröhlich unsere nächsten Monate als Wg mit Tom und all den Jugendlichen…

Doch nach einer Woche kam dann schon ein Anruf vom Jugendamt ob wir am nächsten Tag Zeit hätten für ein Gespräch. Wir sagten zu und fuhren mit vielen Fragezeichen im Kopf am nächsten Tag zum Jugendamt….

11 Kommentare

  1. Hermann Witzig

    Das machst du toll, der Bericht über euren „Werdegang“ ist berührend und regt zum Nachdenken an. Auf die Fortsetzung sind wie gespannt.

  2. AnnKristin

    Wie schön geschrieben.
    Ich fiebere bei jedem Wort mit.
    Wir sind selber „Herzeltern“ und kennen genau das Gefühl was du beschreibst …

    • Das freut mich wirklich zu lesen! Ich empfinde es immer wieder als große Bereicherung von anderen Herzeltern zu hören! Liebe Grüße

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