Benjamin. Teil2

Oder: Wunder gibt es immer wieder


Und er läuft…..

Mit 2 Jahren konnte Benjamin gegen alle Prognosen laufen  und wurde immer selbstbewusster. Fröhlich war er, sehr sehr empathisch und allen Menschen gegenüber freundlich und aufgeschlossen aber auch sehr sehr unruhig und immer aktiv. So aktiv, dass viele unserer Besuche bei Freunden und Verwandten  in großen Stress für uns Eltern ausarteten, weil Benjamin keine Minute still sitzen und er sich nicht  „normal und angemessen“ verhalten konnte.

Sprüche wie „der Junge gehört mal richtig erzogen. Ein paar Schläge auf den Po würden ihm sicherlich mal zeigen wer das Sagen hat. Ihr verzieht den Burschen eben mit eurer vielen Liebe….“ waren nicht selten zu hören und so manche Beziehung ging dadurch kaputt, schien uns aber auch nicht mehr erstrebenswert da wir immer voll und ganz hinter / vor Benjamin standen. 

Benjamin wurde größer und größer und wir staunten (und tun dies bis heute)  was er alles erlernen konnte. Sprechen lernte er, sogar lesen was völlig abwägig schien in den anfänglichen Arztberichten und immer mehr konnte Benjamin sich an die Umwelt und ihre Anforderungen anpassen. So sehr, dass er es bis heute immer wieder schafft Menschen zu überzeugen, dass er einen Porsche fährt, aufs Gymnasium geht, studiert, Profifussballer ist, 3000 Euro netto verdient, in einer WG wohnt und vieles mehr – je nachdem was ihm sein Gegenüber gerade so erzählt und wo er dazu gehören will. Unterhält man sich dann etwas länger mit Benjamin merkt man, dass vieles nur angeeignet und oberflächlich ist, zeigt aber seinen großen Wunsch „ganz normal“ zu sein!!! Oft zeigt es aber auch auf erschreckende Weise wie oberflächlich viele Gespräche sind, und Menschen sich gar nicht die Mühe machen sich länger zu unterhalten um Benjamin „auf die Schliche“ zu kommen und so kommt es doch nicht selten zu völlig falschen Einordnungen. Anderseits gibt es auch Themengebiete in denen Benjamin tatsächlich richtig viel weiß, beispielsweise kennt er alle Autobahnen Deutschlands, weiß wo wir vor 10 Jahren wann im Urlaub waren, wer bei welcher Fußballmeisterschaft wann und wo welches Tor geschossen hat…

Früher dachte ich, ich müsste allen Menschen immer gleich erzählen, dass Benjamin eine geistige Behinderung hat und versuche ihn und sein Verhalten damit zu erklären und zu entschuligen, heute lasse ich dies oftmals einfach stehen.

Natürlich kann man eine geistige Behinderung nicht wegoperieren und ja es gab und gibt viele Grenzen aber all dies bestimmt nicht den Wert eines Menschen und darf und muss auch nicht dessen Lebensqualität einschränken. 

Kindergarten- und Schulzeit 

Benjamin hatte im Kindergarten selbst eine super  Zeit als Integrationskind. Die Erzieherinnen mochten Benjamin und er liebte vorallem die 1:1 Förderung wenn Therapiezeiten waren. Die ersten Tränen und Enttäuschungen (am meisten bei mir als Mutter) erlebten  wir hier mit den Einladungen die fröhlich für Kindergeburtstage verteilt wurden (an gefühlt alle Kinder außer an unser Kind) oder Verabredungen für den Nachmittag vor dem Kindergartentor. Das erste Mal kamen mir Zweifel an der Integration und Inklusion und das machte mich sehr traurig.  Wir hatten Benjamin in einen integrativen Kindergarten gegeben in der Annahme alle Eltern hätten ihre Kinder auch bewusst hier angemeldet um den Horizont ihrer „gesunden“ Kinder zu erweitern und sie tolerant und weltoffen zu erziehen. Dass ich damit falsch lag wurde mir noch häufig im Leben traurig bewusst. Die Realität war diese: Der Kindergarten war toll, das Konzept super und dass es hier auch Kinder mit Behinderungen gab wurde von den Eltern eben so mit in Kauf genommen. 

Als ein Wechsel in die Schule  anstand wurde es spannend. Während die anderen Kindergarteneltern sich schon jetzt Gedanken machten auf welches Gymnasium ihre Kinder später mal gehen sollten, stellten wir uns die Frage an welcher Schule unser Benjamin wohl am besten gefördert werden könnte, wer am Besten mit ihm umzugehen wüsste und wo er einen liebevollen Platz finden würde. 7 Schulen besuchte Benjamin (davon 6 Verschiedene in den ersten 6 Schuljahren)  bis zum Schulende. Er lernte so manche Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben, kam schnell an Grenzen beispielsweise in Mathematik aber um so mehr lernte Benjamin Dinge für den Lebensalltag wie Orientierung, Gruppenstrukturen, kochen, zur Bibliothek gehen und vieles mehr.
Gegen alle Trends der integrativen Schulformen schätzten wir die „Spezialschulen“ sehr und erlebten es für Benjamin als wertvoll „unter Seinesgleichen“ in einem beschützten Rahmen beschult zu sein und hier heranzuwachsen.

Wir sind sehr dankbar für diese Jahre, sind aber auch froh, dass das Kapitel Schule für Benjamin nun beendet ist und er einen tollen neuen Platz gefunden hat …. (Mehr dazu im nächsten Beitrag)..

3 Kommentare

  1. Barbara Witzig

    BENJAMINS Beschreibung seiner atemberaubenden Entwicklung lässt eure ganze Liebe zu ihm /für ihn spüren und fühlen. Bleibt am Ball

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.